„Ein Klinikum kann ohne OP kurzfristig überleben.
Ohne Energieversorgung nicht einmal Minuten.“
Diese einfache Tatsache verdeutlicht, warum die Energieversorgung der kritischste Bereich eines Klinikums ist – und zugleich einer der am häufigsten unterschätzten. Während medizinische Leistungsbereiche naturgemäß im Fokus strategischer Entscheidungen, Investitionen und Schutzmaßnahmen stehen, wird die Energieinfrastruktur vielfach als selbstverständlich vorausgesetzt: vorhanden, redundant, beherrscht.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass genau dieser Bereich häufig nicht dem tatsächlichen Gefährdungs- und Schadenspotenzial entsprechend abgesichert ist. Die Energieversorgung wird primär als technisches Thema verstanden und organisatorisch der Gebäudetechnik zugeordnet. Ihre sicherheitsstrategische Bedeutung für den Gesamtbetrieb, die Patientensicherheit und die Krisenresilienz wird dabei vielfach unterschätzt.
Der folgende Bericht beleuchtet, warum die Energieversorgung eines Klinikums aus sicherheitlicher Sicht besonders gefährdet ist – insbesondere im Hinblick auf böswillige Eingriffe – und weshalb ihre Absicherung eine Führungsaufgabe darstellt.
1. Energieversorgung als systemkritische Infrastruktur im Klinikum
Die Energieversorgung ist keine unterstützende Funktion, sondern die zentrale Voraussetzung für den gesamten Klinikbetrieb. Nahezu alle medizinischen, logistischen und sicherheitsrelevanten Prozesse sind unmittelbar von ihr abhängig:
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lebenserhaltende Medizintechnik
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OP- und Intensivbetrieb
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Lüftungs-, Druckhaltungs- und Klimasysteme
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Aufzüge, Schleusen, automatische Türen
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interne Logistik und Kommunikation
Ein Ausfall wirkt nicht punktuell, sondern gleichzeitig auf nahezu alle Funktionsbereiche. Er ist nicht skalierbar und lässt sich nicht isoliert „abfangen“. Selbst kurzfristige Unterbrechungen führen zu unmittelbaren medizinischen, organisatorischen und reputativen Folgen.
2. Der Berliner Sabotagefall als sicherheitsrelevante Referenz
Wie verwundbar Energieinfrastruktur selbst in hochentwickelten urbanen Räumen ist, hat der Stromausfall in Berlin deutlich gemacht. Dort wurden Versorgungsleitungen gezielt in Brand gesetzt und damit bewusst sabotiert. In der Folge waren rund 45.000 Haushalte zeitweise ohne Stromversorgung.
Sicherheitstechnisch ist dieser Vorfall deshalb besonders relevant, weil er zeigt:
Der Ausfall wurde nicht durch außergewöhnliche Naturereignisse oder technische Alterung verursacht, sondern durch einen absichtlichen, vergleichsweise einfachen Eingriff in unzureichend geschützte Infrastruktur.
Überträgt man dieses Ereignis auf ein Klinikum, wird die Dimension deutlich. Was im städtischen Kontext zu erheblichen, aber letztlich beherrschbaren Einschränkungen führt, hätte im Krankenhausbetrieb unmittelbare medizinische Konsequenzen. Der Maßstab ist kleiner – die Auswirkungen sind jedoch potenziell gravierender.
3. Risikologik der Sabotage: Motiv – Mittel – Wirkung
3.1 Motiv: Warum Energieversorgung ein attraktives Ziel ist
Aus Sicht eines Täters bietet die Energieversorgung eines Klinikums mehrere Eigenschaften, die sie besonders angreifbar machen:
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hohe Systemabhängigkeit des gesamten Betriebs
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maximale Wirkung bei minimalem Eingriff
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geringe Notwendigkeit detaillierter Fachkenntnisse
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keine direkte Konfrontation mit Personal oder Patienten
Im Gegensatz zu medizinischen Bereichen ist kein Wissen über klinische Abläufe erforderlich. Es genügt, die Energiezufuhr zu stören, um einen flächendeckenden Effekt zu erzielen.
3.2 Mittel: Wie Sabotage realistisch umgesetzt wird
Der Berliner Fall zeigt, dass Sabotage an Energieinfrastruktur keine komplexen Mittel erfordert. Auch im Klinikbereich sind typische Schwachstellen bekannt:
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frei zugängliche oder schlecht gesicherte Leitungsabschnitte
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Technikräume mit unzureichender Zutrittskontrolle
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fehlende bauliche Trennung von Normal- und Notversorgung
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geringe soziale Kontrolle in Untergeschossen und Nebentrakten
Der Aufwand für einen Eingriff ist gering, die Eintrittsschwelle niedrig. Genau darin liegt das Risiko.
3.3 Wirkung: Warum die Folgen im Klinikum besonders gravierend sind
Die Wirkung einer sabotierten Energieversorgung entfaltet sich im Klinikum unmittelbar:
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Unterbrechung lebenserhaltender Systeme
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Stillstand von OP- und Intensivbereichen
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Einschränkung von Evakuierung und Rettung
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Eskalation zur medizinischen und organisatorischen Krise
Notstromsysteme können Zeit gewinnen, sie kompensieren jedoch keine strukturellen Sicherheitsdefizite. Insbesondere dann nicht, wenn sie räumlich oder organisatorisch nicht ausreichend getrennt abgesichert sind.
4. Warum dieser Bereich in vielen Kliniken unzureichend gesichert ist
Die Energieversorgung leidet in der Praxis unter mehreren strukturellen Faktoren:
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Geringe Sichtbarkeit für Betrieb und Öffentlichkeit
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Technische Zuschreibung statt strategischer Einordnung
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Trügerische Sicherheit durch vorhandene Redundanzen
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Unklare Zuständigkeiten zwischen Technik, Sicherheit und Management
Diese Kombination führt dazu, dass Risiken lange bestehen bleiben, ohne aktiv adressiert zu werden.
5. Warum eine externe sicherheitliche Betrachtung sinnvoll ist
Gerade weil die Energieversorgung im Alltag zuverlässig funktioniert, entstehen über Jahre feste Annahmen und Routinen, die selten grundlegend hinterfragt werden. Interne Bewertungen konzentrieren sich verständlicherweise auf technische Verfügbarkeit, Wartung und Normerfüllung. Sicherheitsaspekte – insbesondere im Hinblick auf böswillige Eingriffe, Sabotage oder gezielte Störungen – werden dabei häufig implizit als mit abgedeckt angenommen.
Eine externe sicherheitliche Bewertung ermöglicht einen unabhängigen Blick auf diese blinden Flecken. Sie ist nicht in bestehende Zuständigkeiten oder gewachsene Organisationsstrukturen eingebunden und kann Risiken an Schnittstellen zwischen Technik, Gebäude und Organisation sichtbar machen. Für Vorstand und Verantwortliche ist eine solche Analyse kein Ausdruck von Misstrauen, sondern verantwortungsvoller Unternehmensführung und eine belastbare Grundlage für strategische Entscheidungen zur Resilienz des Klinikums.
6. Schlussfolgerung
Der Sabotagefall in Berlin ist kein isoliertes Großstadtereignis, sondern ein warnendes Beispiel für die Verwundbarkeit kritischer Energieinfrastruktur. Für Kliniken gilt: Was dort im großen Maßstab geschehen ist, kann sich im kleinen jederzeit auch innerhalb eines Hauses ereignen.
Die Energieversorgung ist damit nicht nur der wichtigste, sondern auch der wirkungsvollste Angriffspunkt – und zugleich häufig der am wenigsten geschützte. Ihre Absicherung ist keine rein technische Aufgabe, sondern eine strategische Verantwortung der Klinikleitung.
